2537 km mit meiner Frau auf einem Fahrrad…

  • On 10. August 2018

& was ich dabei für das Leben lernte.

In Seminaren, gleich ob es dabei um Teamdynamik, Verkauf oder die Unternehmensführung geht, versteige ich mich gern zu der These, dass ein Kommunikationsmodell sowohl im Business als auch im Privatleben funktioniert bzw. funktionieren muss. Nur dann ist es wirklich im gleichen Maße wirksam und menschenorientiert oder mit anderen Worten, Friedemann Schulz von Thun zitierend, „stimmig“.

In diesem Sommer hatte ich reichhaltig Gelegenheit, die These zu verproben. Meine Frau und ich verreisen seit 25 Jahren gemeinsam, oft auf dem Rad (jeder mit seinem), doch in diesem Jahr erstmalig auf einem Tandem.

 

Die These

Die skeptischen Stimmen vor unserer Reise überwogen deutlich. Wann immer ich von unseren Plänen berichtete, erntete ich in dieser Reihenfolge: zuerst Hochachtung („Na da habt Ihr Euch ja was vorgenommen!“) und dann Selbstoffenbarung („Also meine Frau würde sich NIE hinter mich auf ein Fahrrad setzen“) Zur allgemeinen Erheiterung trug dann regelmäßig bei, dass es von einem amerikanischen Fahrradproduzenten ein Tandem gibt, welches in der Prototypenphase den Namen „Divorce“ trug. Die allgemeine Annahme ist also: gemeinsam Tandem fahren, das gibt Stress. Oder erzeugt zumindest einiges an in diese Richtung gehender Kommunikation. Und ist daher eigentlich nicht zu empfehlen.

 

Stimmt die These?

Nun denn, wir machten uns am 8.7. auf den Weg von Berlin nach Slowenien und wieder zurück. Unser Weg führte uns durch Flusstäler, Städte von Zwickau über Maribor bis Wien und dreimal über die Alpen. Nach knapp 4 Wochen kamen wir wieder in Berlin an und können berichten: Tandem fahren ist wunderbar! Wir waren schneller, fuhren weiter und hatten super viel Spaß dabei.

 

Wie war das möglich?

Ein bisschen bewusste Kommunikation braucht es schon auf einem Tandem. Und in der Tat, vieles von dem, was wir in unseren Seminaren vermitteln. Eine Auswahl mir wichtig erscheinender Aspekte finden Sie in der Folge zusammengefasst:

  1. Damit es auf dem Tandem funktioniert, müssen die Rollen erst einmal geklärt sein. Vorne sitzt der Kapitän . Er lenkt, schaltet, orientiert sich und bremst. Mit anderen Worten…im Regelfall führt er das Tandem. Hinten sitzt der Stoker oder Heizer, dessen Rolle im Wesentlichen darin besteht, das zu tun, was der Name besagt und zum zweiten darin, zu vertrauen. Oder mit anderen Worten, sich führen zu lassen. Da ich mehr Erfahrung im Radfahren mitbringe und schlappe 20 kg mehr wiege als meine Frau (der Schwerpunkt sollte bei einem Tandem eher vorne sein) haben wir uns im Vorfeld geeinigt, dass ich vorne sitze und meine Frau hinten. Das war für uns beide ok so, die Rollen somit geklärt. Trotzdem war damit nicht alles klar…? Für mich ein ganz faszinierendes Momentum…je stärker sich meine Frau von hinten in die Führung `einmischte`, desto schwieriger war es für mich als Kapitän. Ein Beispiel gefällig? Der Stoker kann zwar eigentlich nicht lenken, nimmt jedoch durch sein Verhalten sehr starken Einfluss auf die Lenkung. Das kann so weit gehen, dass der Stoker durch sein Verhalten zur Störung wird und das Tandem nicht mehr den Lenkbefehlen des Kapitäns folgt. Hier musste insbesondere meine Frau lernen, aktiv stillzusitzen um ausschließlich meine Lenkbefehle unterstützend wirksam zu sein. In unseren besten Momenten hatte ich das Gefühl, wir verschmelzen zu einem Organismus, da meine Frau antizipierend, jede meiner Bewegung aufnahm und sich dieser intuitiv anglich. (waren sie schonmal bei PLUS.EFFEKT® im Seminar? Dann erinnert Sie dieses Verhalten möglicherweise an eines unserer zentralen Modelle …?)
  2. Ein gemeinsames Ziel (Slowenien und wieder zurück nach Berlin), gemeinsam abgestimmte Subziele (in diesem Sommer funktionierten Eisläden da besonders gut) und eine Vision (Wir zukünftig mit dem Tandem radelnd um die Welt) haben uns auch sehr geholfen.
  3. Die 3K der Führung habe ich auch wieder gefunden. Klarheit, Konsequenz und Kompetenz. Die letztgenannte haben wir uns mit jedem zusätzlichen Kilometer erarbeitet. Im Sinne der Klarheit haben wir Kommandos verabredet und im Sinne Konsequenz diese im besten Falle auch durchgehalten. Hier ein Learning meinerseits: Wenn ich dachte, auf ein Kommando verzichten zu können (also ich inkonsequent war) und einfach führend mein Ding machte (wird schon klappen), führte das regelmäßig zu Unabgestimmtheiten bis hin zu Fahrfehlern. Mit anderen Worten: Führung, gerade auch auf dem Tandem, erfordert ein hohes Maß an Disziplin und will bewusst wahrgenommen werden. Erinnert mich an: „Der größte Fehler in Führungskommunikation besteht darin, davon auszugehen, das diese stattgefunden hat…“)
  4. Sobald die 3K gegeben waren, stellte sich eine ganz neue Qualität im Miteinander ein. Diese war geprägt von Leichtigkeit und gesteigerter Performance (wir waren irre schnell, gerade auch bergauf!). Im Sinne der Teamentwicklungsuhr schafften wir den Sprung in die Performance Phase.
  5. Gerade auch für mich als Kapitän war das Führen immer dann besonders leicht, wenn meine Frau mir folgen wollte. Mit anderen Worten: Der stimmigen Führungskraft folgen die Mitarbeiter nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Erinnert mich an: die Führungskraft wird informell vom Team gewählt.
  6. Ein eingespieltes Team ist mehr als die Summe seiner Teile. Das durfte ich auch auf dem Tandem erleben. Wir fuhren mehr (vor allem Höhenmeter!!) und waren trotzdem erholter danach. Sehr cool.
  7. Last not least: Auch wenn die Rollen erstmal klar sind, braucht es übergeordnet die Bereitschaft, diese mit Blick auf den anderen jederzeit zu verlassen. Ein Beispiel: unser Tretverhalten war bisher ein unterschiedliches, was natürlich Probleme mit sich bringen kann, wenn die Pedalen durch eine Kette (die sogenannte Synchronkette) miteinander verbunden sind. Der eine, in diesem Falle ich, tritt auf gerader Strecke gerne mit höherer Trittfrequenz, der andere, in diesem Falle meine Frau, gern etwas langsamer. Hier brauchte es, nach einer Phase des Erkennens, eine Annäherung irgendwo in der Mitte und danach Zeit fürs gemeinsame Lernen und sich umgewöhnen. Mit anderen Worten: Wenn ich die Führung übernehmen möchte und diese Kraft meines Amtes (bzw. Kraft meiner Position auf dem Fahrrad) durchzusetzen suche, erzeugte das, sofern ich dabei die Bedürfnisse meiner Frau missachte oder gar schädige, maximalen Widerstand. Führend dazu, dass ich dann auf den folgenden Kilometern nicht mehr das Vertrauen hatte, wie zuvor. Und wir damit als Team weniger leistungsfähig wurden. Übersetzt in den Business Kontext mein Learning: Als Führungskraft sind Sie im besten Falle Partner (Stichwort Gittertest), der situativ sowohl im Sinne eines Zieles als auch Ihres Teams entscheidet. Soweit gehend, dass die Führung im besten Falle zu einer Teamleistung wird (erinnert das irgendjemanden an Agilität?). So überwinden Sie den, in Unternehmen oft gegebenen, Widerspruch zwischen Aufgaben und Menschenorientierung!
  8. Na einen noch: Das Arbeitsgerät muss, gerade wenn es von der Führungskraft ausgewählt wurde (ja, ich habe das Tandem gekauft), allen Beteiligten im gleichen Maße gut passen und nicht nur den Bedürfnissen der auswählenden Person entsprechen. Erinnert mich an eine der wirksamsten Fragen im Führungsdialog: „Was brauchst Du, damit Du gut performen kannst?“. Oder auch an Führen als Service am Mitarbeiter. Planen Sie gerade die Anschaffung eines CRM-Systems oder ähnliches? Wer wird mit diesem hauptsächlich arbeiten und was leitet sich daraus für Sie ab?

 

Was bringt die Zukunft?

Werden wir wieder auf das Tandem steigen und auf diesem Wege unseren Urlaub verbringen? Ganz sicher! Die Frage ist nichtmehr ob, sondern nur noch wohin…?

Sofern Sie Fragen zum Tandem, zur Route oder auch den angedeuteten Kommunikationsmodellen haben…unser Urlaub ist erstmal beendet und ich stehe Ihnen gern für ein Gespräch zur Verfügung.

Herzliche Grüße

Ihr

Hardy Scholtyssek

PS: Eine jetzt oft gestellte Frage sei vorweggenommen direkt beantwortet: Sitze ich immer vorne auf dem Tandem? Wenn ich mit meiner Frau fahre, ja. Wenn ich mit meinem Sohn fahre, habe ich genau so viel Freude daran, der Stoker zu sein. Und mich meinerseits in Vertrauen zu üben…

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